Ich darf das, ich bin Jude

„Ich darf das, ich bin Jude“ sagt sich Oliver Polak und macht das dann auch. Der Mitspieler des „Quatsch Comedy Clubs“ provoziert in seinem Büchlein, indem er nicht nur mit der seit Ephraim Kishon bekannten Selbstironie seine Lebensgeschichte als Kind „der einzigen jüdischen Familie“ in Papenburg ausbreitet, sondern die Tabus im Umgang mit der Geschichte des Antisemitismus und der Shoah zuweilen bis zum Geht-nicht-mehr verletzt – und das unterscheidet ihn von Satire á la Kishon sehr deutlich.

So hinterlässt das Buch einen zweispältigen, nein, dreiseitigen Eindruck.

Zunächst einmal ist es die autobiographisch anmutende Geschichte einer Pubertät in der Provinz, wie sie junge Männer inzwischen zuhauf vorlegen. Über Heilbronn hat dies Rainer Moritz getan und über Papenburg nun Oliver Polak. Das Leben zwischen Dorfdisco und Sonntagnachmittagslangeweile muss furchtbar gewesen sein. Wie aus entsprechenden TV-Sendungen bekannt schildert Polak dies in unterhaltsamem Geplaudere mit gelegentlich überzogenen Pointen. Humor, der länger vorhält, hätte mir besser gefallen, aber wer in der Provinz aufgewachsen ist, wird manches wieder erkennen.

Was das Buch heraushebt ist sein hemmungsloser Umgang mit der Tatsache, dass Oliver Polak sich als Jude in Deutschland Pointen und Formulierungen erlauben darf, die einem zunächst den Atem stocken und dann befreit nachdenken lassen. In pubertärem Ungestüm macht er sich über die im ewig selben Ernst vorgetragenen Äußerungen des  Zentralrats der Juden ebenso lustig, wie er Michel Friedman und Lea Rosh ihr Fett abbekommen lässt und die Schilderungen seines Familienalltags mit zuweilen geschmacklos anmutenden Bezügen zur Schoah würzt. Das alles ist manchmal niveaulos, sogar schmerzhaft, klagt aber letztlich doch eine Normalität ein, auf die junge Deutsche jüdischer Herkunft – oder wie lautet der korrekte politische Ausdruck dafür? – Anspruch erheben können. Und manchmal, das muss man dem Comedian lassen, trifft er mit seinen Äußerungen genau ins Schwarze.

Der jüdische Humor hat sich schon immer durch treffliche Selbstironie ausgezeichnet, die bei Polak zum Beispiel in der Schilderung seiner „typisch“ jüdischen, nämlich dominant-überbehütenden Mutter zwar völlig überzogen daher kommt, aber das war bei Kishon nicht gänzlich anders. Von daher ein wirklich witziges Buch, wenn man bereit ist, dem Comedian alles zu verzeihen.

Und damit bin ich beim Dritten, einer Befürchtung. Polak will sich wohl durch seine Tabuverletzungen aus der Gefangenschaft in den Klischees befreien, in denen der Umgang mit dem Antisemitismus in Deutschland steckt. Eingefleischte Antisemiten und humorlose Gutmenschen werden das als Verharmlosung missverstehen können – zu Unrecht allerdings. Denn Polak zieht in seinem Pointenlauf immer noch rechtzeitig die Bremse und zeigt in seinem abschließenden Loblied auf seine jüdische Herkunft mit ungewohntem Ernst, dass er darauf durchaus stolz ist: („Wir sind für 90 Prozent aller guten Hollywoodfilme verantwortlich. Die restlichen 10 Prozent haben wir finanziert.“)

Oliver Polak ist trotz aller Tabuverletzungen nicht auf der Suche nach billigen Lachern, sondern nach Normalität im heutigen Deutschland. Insgesamt ist es also gelungene Unterhaltung mit einigen schmerzenden Pointen. Und der Leser wird spätestens nach dem Vorwort wissen, ob er mit Polak lachen kann – oder doch lieber bei Kishon bleibt.

Oliver Polak, Ich darf das, ich bin Jude – KiWi Paperback 2008, 8,95 €

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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