Polemik, die nachdenklich machen muss

Broder langt zu, keine Frage. Der deutsche Journalist ist nicht nur ein begnadeter Polemiker, sondern zeichnet sich darüber hinaus durch gut recherchierte Kolumnen und Bücher aus. Mit seinem jetzt veröffentlichen „Vergesst Ausschwitz“ bestätigt er dies wieder einmal in glänzender Weise.

Thema des Buches ist der Antisemitismus der Linken und des Bürgertums. Während alle Welt auf die Judenfeindschaft der Vergangenheit und der Neonazis blickt, hat Broder den Antisemitismus der Gegenwart scharf in den Blick genommen und entdeckt ihn als so genannten „Anti-Zionismus“ und „Israelkritik“ mitten in der linksbürgerlichen Gesellschaft.

Dabei ist ihm das Lavieren der Linkspartei beim Thema Judenfeindschaft ebenso Objekt starker Polemik wie der Antisemitismus, der sich heute hinter dem einseitig übertriebenen Engagement für Palästinenser, der ebenso einseitigen Kritik an Israel und dem damit verbundenen Antiamerikanismus verbirgt.

Broders deftige Polemik, die antisemitische Veranstaltungen der evangelischen Akademie Bad Boll ebenso im Visier hat wie israelfeindliche Artikel im Deutschen Pfarrerblatt, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass sein Büchlein einen sehr analytischen Hintergrund hat. Antisemitsmus ist für ihn kein Vorurteil, dass sich auf Handlungen bezieht und durchaus in Teilen berechtigt sein kann, sondern ein Ressentiment, das grundsätzlich die Existenz des anderen zum Ziel hat. Dass nach dem Rassimus der Nazis der Antisemitismus in der 60er Jahren auf der linken Seite des politischen Spektrums angekommen ist, liegt seiner Meinung nach vor allem am Scheitern sozialistischer Ideen, die nur in einem Land – den israelischen Kibbuzim – erfolgreich waren. Die deutsche Fixierung auf den Holocaust führt nach Broder außerdem dazu, dass nun vermeintliche Opfer der jüdischen Opfer gesucht werden, die die deutsche Verantwortung nivellieren.

Köstlich zu lesen, wie Broder über die zahlreichen Sätze von Politikern den Kopf schüttelt, mit denen das Holocaustmahnmal in Berlin (Foto) als „schön“ gelobt wird, „um das uns die Welt beneidet“. Auch witzig, wie manche Lokalpolitiker sich damit aufspielen, zur Lösung des Nahost-Konflikt die entscheidenden Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Broder lenkt den Blick sehr gezielt auf den Antisemitismus der Gegenwart. Von einem Besuch in Ausschwitz hält er wenig. Statt den Toten nachzutrauern soll man den Lebenden in aller Welt helfen, am Leben zu bleiben – und „gerade als Deutsche“ endlich Solidarität mit Israel üben.

Henryk M. Broder, Vergesst Ausschwitz!

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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