Vergeltung

Winslow

(Bild: suhrkamp)

Don Winslow galt bisher als brillanter Autor cooler Krimis, die geistreich und komplex sind. Mit seinem neuesten Roman „Vergeltung“ hat der kalifornische Autor aber manche seiner Fans irritiert,schreibt er doch nun einen von detailverliebter Waffenprosa strotzenden Thriller, in dem Elitesoldaten auf eigene Faust eine Bande von Terroristen jagen. Die Schubladen „Kitsch“ und „Klischee“ liegen da nicht nur bei europäischen Kritikern bereit.

Aber Winslow hat kein Landserheft geschrieben, im Gegenteil. Unter der Oberfläche eines Militärthrillers steckt eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Frage nach der Vergeltung, wie sie ähnlich abgründig auch die oft missverstandenene Fernsehserie „24“ stellt: Vergeltung lässt sich nicht so einfach moralisch abservieren. Wo Terror die Ordnung der Welt stört, ertönt der fast schon metaphysische Ruf nach Vergeltung zwangsläufig und verändert Menschen und die Sicht der Welt. Gewalt und Klischees drängen in den Vordergrund – in der Wirklichkeit wie im Roman. Aber der Ruf nach Vergeltung des Bösen lässt sich nicht ignorieren oder wegwünschen. Die Welt ist so absurd wie die Plots von „Vergeltung“ und „24“, in denen sich Wirklichkeit und Unwirklichkeit vermischen.

Am Anfang steht ein Terroranschlag auf ein Flugzeug in New York, der stark an die Verschwörungstheorien erinnert, die sich um den Absturz des TWA-Flugs 800 1996 in New York JFK ranken. Dass die Maschine des Romans dann beim Absturz ausgerechnet auch noch im Tunnel zwischen Brooklyn und Manhattan explodiert und natürlich die Familie eines Sicherheitschefs des Flughafens an Bord war, der zuvor einen anderen Terroristen unschädlich gemacht hat, macht sehr schnell klar, dass es hier nicht Realität sondern um deren Absurdität geht.

Der Roman ist schnell und auf der Höhe der Zeit und konfrontiert uns Leser mit der moralischen Doppeldeutigkeit unserer Antworten auf den Terror. Deshalb kann man „Vergeltung“ auch einfach als wahnsinnig spannenden Roman lesen. Der Rest, die Frage, wie wir zur Vergeltung stehen, folgt von selbst.

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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