Glaube 2.0

Update fuer den Glauben von Klaus-Peter JoernsÜber Klaus-Peter Jörns ärgern sich viele. Der Theologe fordert vehement eine Glaubensreform, wie er in seinem Buch Update für den Glauben darlegt. Die Kirche solle nicht an alten Lehren wie der Sühnetheologie kleben, die heute nicht mehr ernsthaft vertreten werden könnten, sondern man soll, wie der Untertitel heißt, „Denken und leben können, was man glaubt“.

Das Anliegen ist berechtigt, die Breite und Fülle der Gedanken von Jörgs beeindruckend, aber man fühlt sich bei der Lektüre dann doch wieder dogmatisch eingeengt, nun eben von Jörgs Update. Doch in jedem Fall bietet sein Buch ein unendliche Fülle an Stoff für das Nachdenken und die Gespräche über den Glauben heute.

Klaus-Peter Jörns, Update für den Glauben, Gütersloher, 17,99 €

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Die Simpsons und die Mathematik

Singh_Homer_RZ4.inddDie Simpsons sind die frömmste Familie im deutschen Fernsehen – sie gehen praktisch jeden Sonntag zum Gottesdienst. Leider werden die entsprechenden Untersuchungen über die Simpsons und das Evangelium nicht ins Deutsche übersetzt. Deshalb geht es jetzt nur um Mathematik, die, wie das Buch „Homers letzter Satz“ zeigt, in fast jeder Folge genial versteckt ist und hochkomplizierte Anspielungen auf Algorithmen und Primzahlen enthält. Kein Wunder, denn viele Autoren der Serie haben Mathematik studiert.

Wenn Sie ihren Sohn oder Enkel vor dem Abitur noch zu Mathematik motivieren wollen (oder auch nur ein bisschen ärgern…), kann ich dieses leicht lesbare, geniale Buch nur empfehlen.

Simon Singh, Homers letzter Satz, Carl Hanser Verlag, 21,50 €

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Israelisches Soldatinnen-Leben

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(Abb. kiwi)

Shani Boianjiu ist eine junge israelische Autorin, geboren 1987 in Jerusalem, Sergeant der israelischen Armee und Harvard-Studentin, die gegenwärtig als neuer Stern am Literaturhimmel gefeiert wird. Ihr erster Roman „Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst“ ist aber auch atemberaubend. Sie schildert darin die Erfahrungen, die drei junge weibliche Israeli während ihres Wehrdienstes machen. Es geht um Sex und Waffen und Macht – und das Erwachsenwerden, dass in Israel schneller und eindringlicher kommt als im friedlichen, unbedrohten Europa.

Ihr Buch spricht die Sprache ihrer Generation, doch ihre Prosa ist große Literatur.

Shani Boianjiu, Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst, Kiepenheuer & Witsch, 19,99 €

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Albert Camus

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(Abb. Hanser)

Ganz im Zeichen der Freiheit steht Martin Meyers Biographie über Albert Camus. Der atheistische Philosoph ist auch für den Glauben bedeutsam, denn er hat dem Christentum widersprochen, indem er seinen Kern verstanden hat: Der Glaube sucht die Spannung zwischen Gott und Mensch, zwischen Ewigem und Zeitlichem auszuhalten. Für Camus stellt dies aber das Absurde der Existenz dar, die keinen Gott kennt.

Bedeutsamer noch erscheint heute, dass er sich dem Salonsozialismus und Stalinismus der Linken konsequent verweigert hat, da er darin eine Ersatzreligion sah, die Sinn behauptet, wo es keinen gibt.

Eine anspruchsvolle Einführung, die man unbedingt durch eine Lektüre von Camus ergänzen sollte. Die Pest, Der Fremde und der Essay Der Mythos des Sisyphos seien besonders empfohlen.

Martin Meyer, Albert Camus – Die Freiheit leben, Hanser, 24,90 €

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Theodor Heuss

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Gedenktafel in Brackenheim (Foto von Joachim Köhler via Wikimedia Commons)

Liberalismus in seiner besten Form, dafür steht in Deutschland Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, aufgewachsen in Heilbronn, Politiker und Schöngeist zugleich, gebildet und offen, unabhängig und modern.

Vor lauter Häme über den Niedergang der liberalen Partei hat man fast vergessen, wie nötig dieses Land solch liberale Menschen hat. Theodor Heuss wirkte in seiner Unabhängigkeit zuweilen wie ein historisches Irrlicht in einem Deutschland, das dem Kaiserreich nachtrauerte, die Freiheit nicht wollte und sich nach der Katastrophe in die Arme Adenauers flüchtete.

Joachim Radkau stellt Heuss in all seiner Besonderheit als eine zentrale Persönlichkeit der neueren, deutschen Geschichte dar. Das Professorenwerk strotzt zwar vor Zitaten, bleibt aber dennoch immer auf dem Boden. Anschauliche und umfangreiche Pflichtlektüre – nicht nur für geschichtsbewussten Heilbronner.

Joachim Radkau, Theodor Heuss, Hanser, 27,90 €

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Der amerikanische Architekt

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Kein Garten, sondern in einem Park ist die tatsächliche Gedenkstätte 9/11 (Foto: Treiber)

Wenn man durch das ruhige und in aller Größe doch angenehm schlichte 9/11 Memorial geht, das in New York an die über 3.000 Ermordeten der islamistischen Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnert, erscheint einem Amy Waldmans Roman „Der amerikanische Architekt“ seltsam absurd und realistisch zugleich zu sein.

Absurd ist der Plot, so realistisch er sich auch gibt. Zwei Jahre nach 9/11 befindet eine Kommission aus Kulturfunktionären und einer Vertreterin der Opfer-Angehörigen, über die Gestaltung des geplanten Denkmals, und in dem anonymen Wettbewerb gewinnt ausgerechnet ein amerikanischer Muslim mit seinem Entwurf eines Gartens, der sehr an die islamische Paradiesvorstellung erinnert. Der Konflikt schaukelt sich hoch, nur wenige sind entscheidend daran beteiligt und es findet sich niemand, der dies politisch zu entschärfen sucht. Nicht nur dies erscheint in höchstem Maße konstruiert, sondern vor allem der Schlussteil, der stilwechselnd als belehrender Rückblick daherkommt, hätte vom Lektorat so nie und nimmer akzeptiert werden dürfen.

Was den Roman dann aber doch heraushebt und lesenswert macht, ist die realistische Zeichnung nahezu aller Personen. Amy Waldman mag sie und bringt in ihrem Roman-Erstling den zynischen Journalisten, verunsicherten Politikern und schlingernden Angehörigen viel Verständnis entgegen. Ihre Schilderung der Vielfalt und der damit einhergehenden inneren Zerrissenheit Amerikas nach den Terroranschlägen ist beeindruckend, wenn sie auch – im Original 2011 erschienen – ein Land beschreibt, das längst anders ist: Inzwischen steht nahe bei der Gedenkstätte eine Moschee, und niemand protestiert mehr dagegen.

Amy Waldman, Der amerikanische Architekt 24,95 (e-Book: 19,99)

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Warum es die Welt nicht gibt

Warum es die WeltBei der Philosophie geht es um das vernünftige Nachdenken über Alles anhand von Begriffen. Dass das lustig sein und Spaß machen kann zeigt der junge Philosophieprofessor Markus Gabriel in dem kleinen Büchlein mit dem irritierenden Titel „Warum es die Welt nicht gibt“, in dem er so nebenbei auch noch mit seiner ganzen Zunft abrechnet und eine neue Philosophie begründen will.

Dabei kommt ihm zugute, dass er mit beiden Beinen im Leben steht. Er kennt die TV-Familie Simpsons so gut wie Soren Kierkegaard und kann sich über die geniale Fernsehserie Breaking Bad  genauso klug äußern wie über die Erkenntnismethoden der Naturwissenschaft. Alles in allem also ein 38jähriger Überflieger, der aber offenbar weiß, wo er hin möchte.

Und hier kommt nun das mit der Welt ins Spiel, die es nicht gibt. Gabriel schiebt die ganze Philosophiegeschichte beiseite, die die Welt entweder metaphysisch oder aber naturwissenschaftlich erkennen will. Dabei gibt es doch die Welt gar nicht, weil ihre Einheitlichkeit ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Was an Gabriel gefällt, ist dass seine Philosophie für Laien nichts betulich-belehrende á la „Sophies Welt“  an sich hat, sondern er immer in die Vollen geht und damit auch den Zorn mancher Fachkollegen auf sich gezogen hat. Und dann gefällt natürlich auch noch, dass seine Philosophie viel Platz für Religion lässt, denn Gott, das würde der Pfarrer jetzt sagen, ist dann wohl der, der dafür sorgt, dass es die Welt jedenfalls im Glauben doch gibt.

Alles in allem: Wer gerne nachdenkt, wird an dem Buch seinen Spaß haben.

Markus Gabriel, Warum es die Welt nicht gibt, ullstein, 18,00 € (e-Book: 14,99 €)

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